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Horrornacht

Ankern in der Ägäis - nachts auf Drift gegangen

Auf Drift gegangen

Ormos Vathy, eine niedliche idyllische und fast kreisrunde Bucht im Südwesten der Ägäis-Insel Siphnos.

Dicht unter Land lassen wir den Anker unserer Sunmagic 44 auf Sand fallen. Beim Einfahren mit Maschine rückwärts bricht der Parkhaken wieder aus. Erst im zweitenVersuch packt die Kralle, wir stecken die gesamten 60 Meter Kette. Als gegen Abend mal wieder die Fallböen zunehmen, bringen wir den Heckanker samt Kettenvorlauf als Reitgewicht aus. Das machen wir fast immer. Ein Crewmitglied taucht den Hauptanker ab: Ein Flunke hat sich tief eingegraben - und liegt vor einer Grasscholle. Das hätte uns zu denken geben sollen, hat es aber nicht. Weil doch der Anker beim fünfminütigen Rückwärtsmanöver (fast volle Kraft) gehalten hat.

* Logbuch-Auszug:

23.09.97 - 00 Uhr. Schwere Sturmböen. Ankerwache eingeteilt, jeweils eine Stunde.

02.45 Uhr. Schiff geht auf Drift - und zwar recht flott. Weil nicht ständig Ausschau gehalten wurde, merken wir's erst, als wir kurz vor den Felsen stehen. Wie gut, daß bei uns der Kahn nachts immer sofort startklar ist und Taschenlampen auf dem Navitisch und in der Plicht bereitliegen. Selbst der Motorhebel steht immer - ausgekuppelt - auf dreiviertel voraus.

Aus Angst davor, die Leine vom Reitgewicht in die Schraube zu bekommen, ziehen wir das Schiff rückwärts aus der Bucht, in der schwerste Fallböen toben. Draußen, so der Trugschluß, herrscht Ruhe. Wie oft waren mit zwei Reffs aus den Fallwind-Buchten der Ägäis-Inseln gelaufen, um draußen in der Flaute steckenzubleiben...

Irrtum: In der Nacht hatte auch draußen der Wind auf 6 bis 7 Bft. aus SE zugelegt. Inzwischen steht eine heftige See. Glücklicherweise leicht ablandig.

Wir drehen bei und versuchen erst zu zweit, dann zu dritt, schließlich zu fünft, die beiden Ankergeschirre hochzuholen. Doch die leichte Drift durchs Beidrehen läßt uns keine Chance: Kette und Leine (vom Reitgewicht) sind knallhart wie Stahl gespannt und rühren sich nur um Zentimeter - zu wenig, um die Klampe für eine Verschnaufpause zu belegen. Die Winsch am Mast wird zu Hilfe genommen - und fliegt auseinander.

Wir fahren wieder in die Bucht - in der Hoffnung, daß nix in die Schraube kommt (war unbegründet - bei DEM Gewicht, was nach unten zog) und wir den Parkhaken weit genug über Grund schleppen können, um ihn in Flachwasser zu bergen.

Glück gehabt: Die Parkkralle hat sich nicht irgendwo in großer Tiefe verhakt. Kaum sind wir in der Bucht, kann der ganze Klumpatsch geborgen werden. Wegen der Fallböen, die aus wechselnden Richtungen über uns hereinbrechen, ist es schwierig, die Kiste genau im Wind und an einer Stelle zu halten, damit die Jungs vorne arbeiten können. Wegen des unbeschreiblichen Lärms des Windes im Rigg muß ein Crewmitglied mittschiffs die "Kommandobrücke" zwischen vorn und achtern übernehmen.

* Logbuch:

05.15. Fest vor Anker dicht unter Land. Ankerwache bis 7 Uhr.

Fazit

* Der Anker hätte energischer eingefahren werden müssen - dann wäre er schon gleich ausgebrochen. Und wir hätten die Chance gehabt, ihn wirklich fest in den Grund zu donnern. (In dieser Bucht hatte ich einige Jahre zuvor schon mal sieben (!) Versuche benötigt - hatte ich das schon wieder vergessen?)

* Der Anker war nicht voll im Sand, sondern lag nur mit einer Seite im Grund. Ausserdem lag er genau vor einer Grasscholle, wie unser Taucher berichtete: Geht ein Anker mit einer ausgerissenen Grasscholle auf seinen Flunken auf Drift, bleibt das Grasstück liegen und verhindert so ein mögliches Wiedereingraben. Das war wohl passiert.

* Ankerwachen sollten, wenn sie denn nötig sind (weil man Zweifel am eigenen Geschirr oder Angst vor den Nachbarn hat) ständig die Lage peilen. Vielleicht ist auch sinnvoll, jeweils zwei Leute einzuteilen. Die halten sich gegenseitig wach. Denn: Wenn man driftet, dann meist verdammt schnell.

* Besser als alle Ankerwachen ist und bleibt das vernünftige Eingraben und Einfahren des Ankers.

* Das Deck muss für einen Schnellstart vorbereitet sein: Schalthelbel ausgekuppelt auf halbe Kraft, Taschenlampen müssen bereit liegen. Der Ankerkasten ist geöffnet, die Motorsteuerung liegt bereit, Hammer und Winschhebel ebenso.

* Auf dem Navi-Tisch liegt einzettel mit den Kompasskursen für die Ausfahrt. Oder der Fluchtkurs, der oft nicht gerade ist, wird in den GPS-Navi einprogrammiert.


(c) Q-Visions Media Andrea Quaß